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#1 DdR - Ten out of nine-million records in my living room von DucdeRichelieu 18.11.2018 10:53

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Editorial/Dosierungsempfehlung für diesen Beitrag:
Für die Freunde der Buchstaben, Silben, Wörter, Satz und Leerzeichenzählung, die sich weniger für Lieblingsplatten und deren Geschichte interessieren, kann ganz individuell an jeder für ihn favorisierten Zählstelle lesetechnisch ein oder auch wieder aussteigen.



Das Interview mit Kardinal DdR, zu den zehn Lieblingsalben, führte Sabine zu Visaberg.

S.z.V.:
Mal ganz ehrlich, trudelt der Kardinal langsam aus der kolossalen Welt hinaus?
Zehn Lieblingsplatten, warum bist du dabei und warum unbedingt jetzt?

DdR:
Sabine, wie gut du mich doch kennst (mit einem begleitenden Augenzwinkern geht es weiter). Trudeln trifft es wie eine schlecht vorbereitete musikalische Zugabe in Dampferkapellenmanier.

S.z.V.:
(Kopfschütteln)...schlagfertige Wortschöpfung hin oder her, bitte ein wenig konkreter mein hochgeschätzter zuckersüchtiger Musikkompostie.

DdR:
Na ja geschenkt.
Um es auf den Punkt zu bringen, ich höre nicht in Brachial-Lautstärke "Shake Appeal" von den Stooges oder "Keep A Knockin'" von Little Richard und mache danach eine geschichtsträchtige Strichliste mit Daumen hoch oder runter.
Als dialektgeschulter Musikanarchist war ich schon immer der falsche Ansprechpartner für aberwitzige Verzweiflungsprosa und skurrile Zeitgeiststudien.
Besser beschreibt mich hier der Wunsch als Chronist in eigener Sache aufzutreten.
Wenn du früh entflammst für die Musik jedoch dein soziales Umfeld, transportiert durch "einfühlsame" Altersgenossen, dir ein Gefühlspotpourri aus Neid, Verachtung und Gleichgültigkeit präsentieren sucht sich dein umher geschubstes Musikherz häppchenweise einen vermeintlich sicheren Hafen.
Wobei dir sofort klar ist das der verführerische Isolationsmix aus destruktiver Schockstarre, Fernweh nach Unsichtbarkeit und Verlangen auf musikalisches Exil zum Heimatplanet Alkoven keine erstrebenswerte Dauerlösung darstellt.
Erst viel später kommt die Erkenntnis sich nicht als Irrtum der Natur einer unverstandenen Musikpubertät zu begreifen.
Du bist über dein Verhalten der verunglückten Traumdeutung selbst genervt und willst diesen unerträglich gewordenen Zeittunnel so schnell wie möglich verlassen.
Dieses Selbstverständnis auf die Kraft der eigenen Musik-DNA zu vertrauen, Rückschläge zu akzeptieren und die Zeit für dich arbeiten zulassen belohnt mit dem nicht mehr für möglich geglaubten aber ersehnten Türöffner.
Was dann abläuft ist pure konträr Faszination und die spannende Auseinandersetzung zur Schlüsselformel "trigger me/my life happy" oder "make me unendlich traurig".
Es macht im übertragenden Sinn dann "boing bum tschak" mit einer Prise "gabba gabba hey" und du bist von jetzt auf gleich in der Lage alle bisher für wichtig geglaubten fremdbestimmten Filtersimulationen und Störfrequenzen auszuschalten somit alles klar zu hören und authentisch für deine Seele zu chiffrieren.
Und das ist dann auch die Antwort auf deine zweite Frage: Ja, ich bin jetzt bei diesem Forums-Listenwahnsinn dabei weil ich heute einen in mich ruhenden Hörgeschmack entwickelt habe.
Unbefleckte Ohrwurmschwangerschaften ausgelöst durch saisonale journalistische Waschzettelwerbung sind mir fremd geworden.
Bei dem heutigen (irgend etwas zu verpassen) Overkill an Musikangeboten fällt das jedoch nicht immer leicht. Grenzenloser Zugriff auf Terabytes an verfügbarer Musik sorgt nach meinem Eindruck eher für einen schleichenden Hör- und Wahrnehmungsautismus. In öffentlichen Verkehrsmitteln lässt sich das besonders gut beobachten. Lautstärke bis zum Anschlag jedoch keine körperliche Reaktion.

S.z.V.:
Hat dich in diesem Zusammenhang die Liste aus der ME-Ausgabe 06/18 inspiriert?

DdR:
Inspiriert?..., was soll mich an dieser Art von Entourage-Listenaufbereitung ohne jegliche Einbringung von journalistischer Kernkompetenz begeistern?
Wird hier nicht im Kern nur die Klientel und der Nährboden für Hobbyhater mit Dauerlutscherbeschwerden gefüttert?
Wer ausschliesslich sein (under the radar) getrimmtes Mindset auf diesen Zeitgeist im Schongang ausrichtet na dann herzlich willkommen im Daumenurteil La La Land.
Schön ist was anderes aber geht mir bitte mit diesem Influencer-Gedöns, das keiner mehr werten oder einordnen kann, nicht auf die Klötze.
Vor diesem gedanklichen Hinter(ab)grund war die Lektüre der ME-Liste eine echte jammervolle Offenbarung. Lass es mich trotzdem respektvoll jedoch mit einem Hauch flapsiger Vergänglichkeit so formulieren:
Bei siebenhundertfünfzig Knallerbsen der Musikeitelkeiten fehlte es mir im Resümee an musikalischer Bandbreite, emotionaler Tiefe und der Mut Humor zu zeigen.
Diese Mammutliste atmet viel zu häufig den schlechten Spirit heutiger Playlistformate ala Webstreaming oder auch kommerzieller Formatradios. Nur Oliver Polak bewies Humor mit dem Outing als Fanboy von Motorpsycho.

S.z.V.:
Kommen wir nun zu deiner Liste. Was ist biografisch vorgefallen das die 80iger im damals "gelobten" golden state schwerpunktmässig Erwähnung finden?

DdR:
Ursache und Wirkung gingen Hand in Hand mit dem plötzlichen Tod von Andrew Gold im Juni 2011. Wahrgenommen hatte ich ihn bereits im Jahr 1974 als Gitarrist und aktiven Songschreiber auf dem Recordlabelkollektiv Asylum um den Gründer David Geffen.
Whirlwind aus dem Jahre 1980 ist hier mein absoluter Favorit. Dieses vierte Soloalbum kommt, für die damaligen Verhältnisse im Musikbusiness fast ein Tabubruch, ohne vordergründige Singlehits aus.
Ein paar alte kompostierfähige Säcke die mit den Songtiteln "Lonely Boy", "Thank you for being a Friend" oder auch "Never Let Her Slip Away" noch etwas anfangen können wissen was ich meine.
Auf diesem Album dominiert das wohldosierte kompakte Basisspektrum eines urbanen Liederhandwerkers im Einklang einer gereiften Melodik seiner warmen positiven Stimmfärbung die mich damals sofort für ihn eingenommen hat.
Gebe es ein American Songbook der sonnen verwöhnten Westküste mit Schwerpunkt Lichterdämmerung im Zwiegespräch einer Grossstadt wären diese Kompositionen unweigerlich nominiert.
Diese Form der Westküstenmusik transportiert bis heute meinen naiven Blick auf den Tagtraum einer nicht enden wollenden Autofahrt unter einem unendlich weiten blauen Himmel. Der komplette Gegenentwurf einer heimatlichen Stahl- und Bergbauatmosphäre wo wie selbstverständlich in festen Zyklen die Sonne verstaubte.
Und wer darüberhinaus noch ein offenes Ohr für effektive harmonische Zusammenhänge zeigt (Profis nennen diesen Prozess backen einer Komposition in sein unverwechselbares Arrangement) wird auch hier komplett bedient.
Andrew Gold hatte das Glück oder sprechen wir lieber von Privileg diese musischen Anlagen bereits sehr früh in seinem Elternhaus geschenkt zu bekommen.
Auch die beteiligten Musiker die bei der Produktion von Whirlwind dabei waren haben mich dann inspiriert meine weiteren (lost but not forgotten) Vinyllieblinge auszugraben und nochmals intensiv zu hören.
Ja und somit ist diese Liste mein persönliches Dankeschön an Andrew Gold und allen mehr oder weniger bekannten Weggefährten dieser Zeit. Ein besonderer Dank geht auch an Graham Gouldman für eine musikalische Zeitreise mit Wax und 10cc.


01. Andrew Gold - Whirlwind (1980)

02. Wax - Magnetic Heaven (1986)

03. 10cc - Ten Out of 10 (1981)

04. Wax - American English (1987)

05. Linda Ronstadt - Hasten Down The Wind (1976)

06. Warren Zevon - Bad Luck Streak In Dancing School (1980)

07. Karla Bonoff - Wild Heart of the Young (1982)

08. David Lindley - El Rayo-X (1981)

09. J.D. Souther - Home by Dawn (1984)

10. Keats - s/t (1984)


PS: @S.z.V.
Danke nochmals für die spontane Gesprächszusage und deine kostbare Zeit. Du hast mich zum reden verführt und beim nächsten Treffen sprechen wir dann über deine zehn Lieblingsplatten und warum mindestens zwei davon (und da ist zum Abschied auch wieder das begleitende Augenzwinkern) jahrzehntelang auf dem Index standen.
In diesem Sinne, Cheerio, Miss S...

PPS:
Für ein zeitgemässes "Whirlwind" Coverbild reichte die Zeit dann auch.

Bild entfernt (keine Rechte)

#2 RE: DdR - Ten out of nine-million records in my living room von MrMister7 18.11.2018 12:39

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Das kann doch nicht wahr sein - Wax in einer Forumsliste. Danke.

#3 RE: DdR - Ten out of nine-million records in my living room von Der Lokus 18.11.2018 14:37

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Da brat mir doch einer einen Storch. Andrew Gold zu lesen ist eh schon ungewohnt in diesem Forum, aber dann ausgerechnet auf der 1 und mit jener, welche nicht zu seinem Kanon gehört? Wenn alle hier gepostet haben, wird es wohl noch einige Überraschungen beim Nachhören geben. So obskur wie interessant. (Die Listen von DdR sind ja ohnehin immer so).

#4 RE: DdR - Ten out of nine-million records in my living room von JackOfAllTrades 18.11.2018 14:45

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Das wird lustig, das Interview in Buchform zu pressen... :D

#5 RE: DdR - Ten out of nine-million records in my living room von akri 18.11.2018 17:43

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Mit Andrew Gold habe ich mich noch nicht beschäftigt ( Wax und 10 CC gehören ja irgendwie mit dazu).
Neben 10 CC gibt es hier in meinem Regal gerade noch Linda Ronstadt... ( wenn auch die "Simple Dreams")

Jüngeren Forumsmitgliedern sei gesagt, dass Miss Ronstadt für das Album einen Grammy bekam..
...und in den 70ern gleich drei ihrer Alben auf Platz 1 der US-Albumcharts stehen hatte!
Womit klar wird, dass DdR mit seiner Liste aiuch das kommerzielle Formatradio bedient...

#6 RE: DdR - Ten out of nine-million records in my living room von DucdeRichelieu 18.11.2018 19:58

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...zu der Zeit wo speziell Linda Ronstadt (damals um die vierunddreizig) hoch in den Charts war wurde das Radioprogramm noch von Menschen kommerziell "verunstaltet". Heute werkeln da grösstenteils nur noch globalisierte Algorithmen im unsympatischen big data format vor sich hin. Die bedienen dann eher die Künstlerinnen die auf deiner Einkaufsliste stehen...

#7 RE: DdR - Ten out of nine-million records in my living room von burnedcake 19.11.2018 11:08

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Zitat
Unbefleckte Ohrwurmschwangerschaften ausgelöst durch saisonale journalistische Waschzettelwerbung sind mir fremd geworden.
Bei dem heutigen (irgend etwas zu verpassen) Overkill an Musikangeboten fällt das jedoch nicht immer leicht. Grenzenloser Zugriff auf Terabytes an verfügbarer Musik sorgt nach meinem Eindruck eher für einen schleichenden Hör- und Wahrnehmungsautismus.



Die zeitgeistig bewegthieroglyphische Antwort lautet dann wohl

#8 RE: DdR - Ten out of nine-million records in my living room von CobraBora 19.11.2018 17:59

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Huch, das jüngste Album in dieser Liste ist auch schon über 30 Jahre alt.
Ich hätte jetzt hier eine Liste voll mit Jazz und Death Metal erwartet, so erlebt man immern wieder seine Überraschungen.

#9 RE: DdR - Ten out of nine-million records in my living room von Marla Singer 22.11.2018 08:55

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Zitat von DucdeRichelieu im Beitrag #1
03. 10cc - Ten Out of 10 (1981)


Bis auf "I'm Not In Love" hatte ich bisher nie Berührungspunkte mit 10cc. Den Song allerdings finde ich absolut genial.
Darum habe ich mir jetzt mal andächtig "Ten Out Of 10" angehört. Ich muss sagen, dass es mir ein bisschen zu lang war und mich nicht vollends vom Hocker gerissen hat, aber die Tracks, die mir gefallen haben, haben mir RICHTIG gefallen (z.B. "Action Man In Motown Suit").

#10 RE: DdR - Ten out of nine-million records in my living room von Krautathaus 22.11.2018 09:47

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Zitat von Marla Singer im Beitrag #9
Zitat von DucdeRichelieu im Beitrag #1
03. 10cc - Ten Out of 10 (1981)


Bis auf "I'm Not In Love" hatte ich bisher nie Berührungspunkte mit 10cc. Den Song allerdings finde ich absolut genial.
Darum habe ich mir jetzt mal andächtig "Ten Out Of 10" angehört. Ich muss sagen, dass es mir ein bisschen zu lang war und mich nicht vollends vom Hocker gerissen hat, aber die Tracks, die mir gefallen haben, haben mir RICHTIG gefallen (z.B. "Action Man In Motown Suit").


Marla, mit den 10cc nach "Bloddy Tourists" konnte ich gar nichts mehr anfangen...zu glatt, und die unvergesslichen Hooks der alten Songs in weiter Ferne.

Mir sind die ersten beiden "10cc" und "Sheet Music" immer noch am liebsten, da werden die Beatles auf eigenem spaßigen und experimentellem (nicht überbewerten) Terrain zitiert. Die Texte sind wirklich zum schießen: eine Zeitzünderbombe im Dialog mit dem Flugzeug, daß sie transportiert (ClockworkCreep) und vieles mehr. Die Gesangsharmonien gehören für mich mit den ganz großen Vorbilden in einem Atemzug genannt.
Auch beherrschen 10cc unvergessliche Gitarrenintros, wie z.B. Wall Street Shuffle. Das alles ist viel näher an "I'm not in love" als die Spätwerke.

"DeceptiveBends" ist auch ein gutes Einstiegswerk, wenn auch leider hne Godley and Creme: "Good Morning Judge" anhören!

#11 RE: DdR - Ten out of nine-million records in my living room von Marla Singer 22.11.2018 09:58

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Super, danke für die Tipps!

#12 RE: DdR - Ten out of nine-million records in my living room von MrMister7 22.11.2018 10:07

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Zitat von DucdeRichelieu im Beitrag #1
04. Wax - American English (1987)


Läuft.

#13 RE: DdR - Ten out of nine-million records in my living room von Krautathaus 22.11.2018 13:45

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Zitat von Marla Singer im Beitrag #11
Super, danke für die Tipps!


You're welcome!

#14 RE: DdR - Ten out of nine-million records in my living room von tenno 25.11.2018 22:28

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Zitat von Krautathaus im Beitrag #10
mit den 10cc nach "Bloddy Tourists" konnte ich gar nichts mehr anfangen...zu glatt, und die unvergesslichen Hooks der alten Songs in weiter Ferne.


hier schließe ich mich an, und ergänze:
wax sind ja im prinzip eine fortführung der späten 10cc auf (noch) kommerziellerem level. und da ich zu allem überfluß während meiner tonmeisterausbildung auch noch "right between the eyes" als semesterarbeit zum tonschnitt auf den tisch bekam (ja, noch so richtig mit senkelband und rasierklinge), hatten die die herren gouldman und gold es nicht schwer, bei mir schnurstracks zum hassobjekt zu mutieren. allein schon deswegen waren mir godley & creme immer um kiloparsecs sympathischer.

bei linda ronstadt und vor allem warren zevon treffe ich mich aber gerne mit dem duc. und david lindley steht seit jahrzehnten auf meiner reinhörliste; muss ich jetzt wohl endlich mal machen.

#15 RE: DdR - Ten out of nine-million records in my living room von Johnny Ryall 26.11.2018 12:32

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Wax kenne ich tatsächlich, was mir aber gar nicht mehr bewusst war.

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